Brigitte Alexander – ihr Lächeln bleibt
Fritz Solmitz sitzt im Gras. Im Arm hält er seine kleine Tochter Brigitte, die verschmitzt in die Kamera lächelt. Neben dem Foto aus dem Jahr 1929, dem Geburtsjahr von Brigitte, liegt seine Taschenuhr in einer Vitrine. Unter der Uhr liegen in winziger Schrift beschriebene Zettel aus Zigarettenpapier – die in der Uhr versteckten Aufzeichnungen von Fritz Solmitz aus seiner Haft im KZ Fuhlsbüttel. Darin schilderte der promovierte Jurist, Sozialdemokrat und Redakteur heimlich die im KZ erlittenen Torturen. Da er aus jüdischer Familie stammte, wurde er Zielscheibe des wüsten Antisemitismus der Wachmannschaften und Opfer qualvoller Misshandlungen. Seine Aufzeichnungen enden am Abend vor seinem Tod am 19. September 1933.
Bis heute berührt die Geschichte von Fritz Solmitz viele Menschen. Einige von ihnen durften auch seine Tochter Brigitte Alexander kennenlernen. Fast zwanzig Jahre lang kam sie immer wieder aus den USA zu Besuch nach Hamburg, um hier an ihren Vater zu erinnern. Dabei brachte sie Familienangehörige mit, damit die Familiengeschichte nicht in Vergessenheit geriet.
Nun erreichte uns die traurige Nachricht, dass Brigitte Alexander am 6. November 2025 in Kennett Square, Pennsylvania, verstorben ist. Wir werden sie vermissen. In Gedanken sind wir bei ihren Kindern und ihrer Familie.
Wir haben Brigitte Alexander als eine warmherzige und kluge Frau kennengelernt, der es ein großes Anliegen war, die Erinnerung an die Häftlinge des KZ Fuhlsbüttel wachzuhalten, und der die Vermittlung dieser Geschichte an junge Menschen am Herzen lag. Ihr haben wir es zu verdanken, dass die Taschenuhr ihres Vaters zurück nach Hamburg kam. Ihre Mutter Karoline Solmitz war nach dem Tod ihres Mannes mit den Kindern 1938 in die USA geflohen. In Pennsylvania fand die Familie ein neues Zuhause. Mit ihren Kindern sprach Karoline Solmitz viel über den Vater, aber kaum über die an ihm verübten Verbrechen. Erst 1958, Brigitte Alexander war schon fast 30 Jahre alt, zeigte ihre Mutter ihr die heimlichen Aufzeichnungen des Vaters aus dem KZ Fuhlsbüttel – ein großer Schock für Brigitte Alexander. Es wurde nicht leichter, als die Familie vier Jahre später miterleben musste, wie der stellvertretende Kommandant des KZ Fuhlsbüttel, Willi Dusenschön, vom Vorwurf des Mordes freigesprochen wurde – „mangels Beweises“, wie es im Urteil hieß. Im Zentrum des Prozesses hatten die an Fritz Solmitz verübten Verbrechen gestanden, minutiös durch seine eigenen Aufzeichnungen dokumentiert.
Und dennoch. Dennoch stellte die Familie 1987 Taschenuhr und Aufzeichnung von Fritz Solmitz für die neu errichtete Gedenkstätte Fuhlsbüttel zur Verfügung. Dennoch begann Brigitte Alexander im Jahr 2000, Jahr für Jahr nach Hamburg zu reisen und die Gedenkstätte zu besuchen.
„Warum erinnere ich mich?“ fragte Brigitte Alexander bei einer Rede, die sie 2012 in Fuhlsbüttel hielt. „Weil ich wissen möchte, wer ich bin. Die persönliche Identität ist das höchste Gut eines Menschen. Ein Beweis für diesen hohen Wert ist die Tatsache, dass Menschen zu allen Zeiten bereit waren zu sterben, um ihre Identität zu bewahren. Und dazu gehören auch viele, die in Fuhlsbüttel starben. (…) Ich hatte das Glück, einen Vater zu haben, der die Bedürfnisse und Wünsche eines kleinen Kindes verstand und erfüllen konnte, und dafür bin ich sehr dankbar. Er hat meine Persönlichkeit mitgeformt und ist so ein Leben lang bei mir gewesen.“
Viele Jahre lang stand Brigitte Alexander an der Seite der Gedenkstätte Fuhlsbüttel. Das Lächeln auf ihrem Kinderfoto ist dort weiterhin zu sehen.
Wer mehr über Brigitte Alexander wissen möchte: Holocaust in Hamburg: Zeitzeugin B. Alexander erzählt | FINK.HAMBURG