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19.11.2025

Nahaufnahme: Die Hamburger Deportationen in die Ghettos im Herbst 1941

Zwei Besuchende stehen in der Ausstellung am Geschichtsort Stadthaus vor einer schwarzweiß Fotografie mit dem Text Fotografien einer Hamburger Deportation im Oktober 1941
Besuchende in der Ausstellung am Geschichtsort Stadthaus

Drei neu identifizierte Fotos zeigen das erste Mal das Deportationsgeschehen im Herbst 1941 in Hamburg.

Am 4. November 2025 stellten Dr. Alina Bothe, Dr. Kristina Vagt, Johanna Schmied und Wolfgang Kopitzsch im Geschichtsort Stadthaus die ersten bekannten Hamburger Fotografien einer Deportation von Jüdinnen und Juden im Herbst 1941 vor, moderiert von Prof. Dr. Oliver von Wrochem. Vor 60 Personen vor Ort und weiteren im Livestream sprachen die Wissenschaftler*innen über ihre Forschungen, die zur Neubewertung der Fotos führten, sowie über die Bedeutung der Bilder. Am selben Abend wurde die Ausstellung „Fotografien einer Hamburger Deportation im Oktober 1941“ im Geschichtsort Stadthaus eröffnet.

Es füllt sich eine Leerstelle: Forschende des Projekts „denk.mal Hannoverscher Bahnhof“ und des internationalen Projektverbunds #LastSeen haben Fotografien der Deportation von über 1.030 Jüdinnen und Juden aus Hamburg in das Ghetto Litzmannstadt am 25. Oktober 1941 identifiziert. Möglich war das unter anderem durch die Expertise der Forschenden aus dem Projekt #LastSeen.Bilder der NS-Deportationen. Bisher waren die Fotos im United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) als "Evakuierung Luftgeschädigter" verzeichnet.

Woran erkennt man Deportationsfotos?

Im Online-Bildatlas #LastSeen werden Fotografien aus knapp 43 Orten kontextualisiert. Dem Projekt bekannt sind Aufnahmen aus knapp 60 Orten. Darauf zu sehen: die Verschleppung von Jüdinnen und Juden und Sinti*ze und Rom*nja im Nationalsozialismus. Die meisten der Bilder wurden von Täter*innen gemacht. Besonders bei den Fotografien aus den frühen 1940er Jahren falle auf, wie wenig explizite Gewalt zu sehen sei, hob Alina Bothe (#LastSeen) auf der Veranstaltung hervor. Es seien Inszenierungen, die die Deportationen als vermeintlich gewaltfreie, harmlose Evakuierungen darstellen sollten. Die jahrelange Auseinandersetzung mit diesen Aufnahmen habe den Blick der Forschenden für Merkmale von Deportationsaufnahmen geschärft. Typische Merkmale seien sorgsam vorbereitetes und beschriftetes Gepäck, zum Teil das Tragen von Zwangskennzeichen, Wachpersonal, das Fehlen von Ersthelfer*innen und Krankenschwestern und eine ruhig wirkende Stimmung. In den Bildern der Deportationen im Bildatlas von #LastSeen ist die große Sichtbarkeit des Deportationsgeschehens dokumentiert. Die Betroffenen warteten, manchmal über mehrere Tage, in aller Öffentlichkeit an zentralen innerstädtischen Orten. Sie wurden mit Lastwagen, oder mit Transportmitteln der regionalen Verkehrsbetriebe für alle sichtbar von dort zu den Deportationszügen gebracht.

Fotos einer Hamburger Deportation

Das zeigen auch die Hamburger Fotos, die Kristina Vagt (denk.mal Hannoverscher Bahnhof) vorstellte: der Sammelort an der Moorweidenstraße 36 war frei einsehbar und mitten in der Stadt. Auf den ersten beiden Bildern der dreiteiligen Fotoserie sind die von der Deportation Betroffenen bei der Ankunft zu sehen. Die Männer, Frauen und Kinder sind gut gekleidet. Sie hätten sich nicht überstürzt angezogen, sondern genau bedacht, was sie mitgenommen hatten. Das spreche unter anderem gegen die Einordnung als Aufnahmen von Luftkriegsgeschädigten.

Aufgrund einer Postkarte, die Deportierte noch aus der Sammelstelle schrieben, ist bekannt, dass die Polizei die Betroffenen am 25. Oktober 1941 mit den auf den Fotos zu sehenden Mannschaftswagen ab 8 Uhr zum Hannoverschen Bahnhof brachte. Auf dem dritten Foto der Serie ist zu erkennen, wie die Menschen die Wagen besteigen. Mehrere Fahrten waren für die Transporte der über 1.000 Menschen zum Bahnhof nötig. Um 10.10 Uhr sollte der Deportationszug am Hannoverschen Bahnhof abfahren. Nur wenige der Deportierten überlebten die Gewalt und die Entbehrungen, denen sie im Ghetto Litzmannstadt und in weiteren Konzentrationslagern ausgesetzt waren.

Der Fotograf: Bernhardt Colberg

Die Bilder stammen aus einem von drei Fotoalben von Bernhardt Colberg, Mitglied des Hamburger Reserve-Polizei-Bataillons 101. Colberg fotografierte viel, im USHMM sind über 1200 Amateuraufnahmen von ihm archiviert, wie Johanna Schmied (denk.mal Hannoverscher Bahnhof) berichtete. Neben Familienbildern enthalten die Alben viele Fotografien seiner Polizeiarbeit. Am ausführlichsten ist der Einsatz des Bataillons 101 im Ghetto Litzmannstadt im deutsch besetzten Polen dokumentiert. Die Verbrechen, die das Bataillon beging, sind intensiv erforscht worden.

Wolfgang Kopitzsch (Polizeipräsident a.D.) erläuterte, dass das Bataillon nach seiner Rückkehr aus Litzmannstadt im April 1941 auf verschiedene Hamburger Polizeidienststellen verteilt wurde, aber schnell für Einsätze zusammengezogen werden konnte. Eingesetzt wurde das Bataillon auch für die Bewachung und Durchführung der Deportationen im Herbst 1941, wie die Aufnahmen belegen. Es ist unbekannt, wie Colberg an die Aufnahmen des Deportationsgeschehens am Logenhaus gelangte oder ob er sie selbst anfertigte. Das Sammeln und Tauschen von Fotografien war eine gängige Praxis beim Anlegen privater Fotoalben. Das bedeutet, es könnte weitere Aufnahmen aus der Bildserie der Moorweidenstraße oder weitere Abzüge der Aufnahmen geben, resümierte Johanna Schmied. Wegen der Qualität der Bilder bleibe aktuell der Blick auf die Etiketten der Koffer, die Gesichter der Menschen oder mögliche Zwangsmarkierungen verschlossen, stellte Kristina Vagt fest. Bisher sei keine Identifizierung einzelner Personen möglich gewesen.

Gibt es weitere Fotografien?

Ein Wunsch der Forschenden ist, dass die Fotos Eingang in das Hamburger Bildgedächtnis finden. Die Fotografien verbinden die Städte als Ausgangspunkte der Deportationen mit den Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslagern ins deutsch besetzte Ost- und Mitteleuropa. Sie zeigen die Notwendigkeit, sich mit der Verwicklung der breiten Gesellschaft in das Deportationsgeschehen, mit den Täter*innen, Zuschauenden und Profiteur*innen auseinanderzusetzen. Sie dokumentieren die Alltäglichkeit und die Sichtbarkeit von Gewalt und Unrecht im Nationalsozialismus. Deshalb sollen die Fotos Teil der kommenden Dauerausstellung des Dokumentationszentrums denk.mal Hannoverscher Bahnhof werden.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass in Archiven und in privaten Sammlungen weitere Fotografien vorhanden sind, welche die NS-Deportationen dokumentieren. Das Projekt #LastSeen und die Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte freuen sich über Hinweise zu den Fotografien der Deportation nach Litzmannstadt im Herbst 1941 und zu weiteren Foto-Funden. Kontakt 

Die Ausstellung „Fotografien einer Hamburger Deportation im Oktober 1941“ kann noch bis zum 6. Januar 2026 im Geschichtsort Stadthaus besichtigt werden.

Kristina Vagt erläutert die Deportationsfotos, hinter ihr drei schwarzweiß Fotografien auf einer Leinwand
Kristina Vagt erläutert die Deportationsfotos
Alina Bothe vom Projekt #LastSeen bei der Präsentation der Fotos am Geschichtsort Stadthaus
Alina Bothe vom Projekt #LastSeen bei der Präsentation der Fotos am Geschichtsort Stadthaus
Johanna Schmied steht vor einer Leinwand mit einem alten Dokument mit einem Portraitfoto eines Polizisten, spricht über Colberg
Johanna Schmied spricht über Colberg
Wolfgang Kopitzsch steht am Pult und spricht, hinter ihm auf einer Leinwand eine Seite aus dem Fotoalbum von Colberg
Wolfgang Kopitzsch spricht über das Fotoalbum von Colberg
Schwarzweißfoto von Menschen, die unter Bewachung des Reserve-Polizeibataillons 101 am Logengebäude ankommen
Ankunft unter Bewachung des Reserve-Polizeibataillons 101 am Logengebäude, 24.10.1941