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20.11.2025

Der Koffer meines Großvaters

Der Koffer der Familie Letterie und die Zeichnung, auf der Martinus Letterie zu sehen ist
Der Koffer der Familie Letterie und die Zeichnung, auf der Martinus Letterie zu sehen ist

Heute hat Martine Letterie dem Archiv der KZ-Gedenkstätte Neuengamme ein familiengeschichtlich bedeutsames Objekt übergeben: Als ihr Großvater Martinus Letterie in das KZ Neuengamme deportiert wurde, hatte er einen Koffer dabei. Nach seinem Tod erhielt die Familie den Koffer zurück.

Als Martinus Letterie im Juni 1941 verhaftet wurde, weil er sich im kommunistischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer engagiert hatte, schickte seine Frau Sjoerdje ihm einen Koffer ins Gefängnis hinterher. Dieser Koffer begleitete Martinus durch mehrere Gefängnisse in Schorl und Amersfoort bis ins KZ Neuengamme. Im KZ Neuengamme in Hamburg starb Martinus am 25. Januar 1942.

Nach dem Tod von Martinus wurde der Koffer zurück in die Niederlande geschickt, wo die Familie ihn aus Den Haag abholen musste. Es waren alle Dinge noch enthalten, die Martinus dabei hatte, darunter auch das Foto seiner drei Kinder, das extra für ihn angefertigt wurde. Sein Sohn Frank war zu diesem Zeitpunkt 10 Jahre alt.

Der Koffer blieb bei Frank, der ihn dann selber nutzte. Seine Mutter schickte ihm den Koffer nach, als er als Wehrdienstverweigerer Zivildienst in einer psychiatrischen Klinik machte. Später hat er seine Zeichnungen in dem Koffer aufbewahrt.

Nach dem Tod von Frank übergab nun seine Tochter Martine diesen Koffer, der in der Familie eine große Bedeutung hat. Mit dem Koffer übergab Martine Letterie auch eine Portrait-Zeichnung des Großvaters, die ihn in dem Alter zeigt, als er verhaftet wurde. Diese hatte Frank 1951 angefertigt, als er als Wehrdienstverweigerer zuerst drei Monate in einem Gefängnis verbringen musste.

Der Koffer zeigt Spuren seiner Benutzung – so gibt es u.a. Reste einer handschriftlichen Liste zu sehen von Gegenständen, die Martinus Frau in den Koffer packte, als er ihrem Mann nach seiner Verhaftung nachgeschickt wurde. Zeitungsseiten wurden in der Nachkriegszeit genutzt, um den Koffer auszupolstern. Dies macht den Koffer zu einem umso spannenderen Objekt, das eine ganze Geschichte erzählt.

Der Koffer hat eine hohe familiengeschichtliche Bedeutung und wir sind sehr dankbar, dass Martine Letterie sich dazu entschied, ihn an die KZ-Gedenkstätte zu geben. Sie engagiert sich seit Jahren für die Erinnerung – sie schrieb mehrere Kinderbücher über die NS-Zeit und ist seit 2019 Vorsitzende der Amicale Internationale KZ Neuengamme.

Dr. Karsten Uhl, Dr. Martine Letterie und Prof. Dr. Oliver von Wrochem bei der Übergabe des Koffers
Dr. Karsten Uhl, Dr. Martine Letterie und Prof. Dr. Oliver von Wrochem bei der Übergabe des Koffers